Wie Frauen die Mode- und Beautyindustrie prägen – Stimmen aus allen Ebenen der Wertschöpfungskette

Während die Diskussionen über Überproduktion, Fast Fashion und oberflächliche Trends oft im Vordergrund stehen, erzählen viele Frauen entlang der Wertschöpfungskette eine andere, tiefere Geschichte: von Veränderung, Verantwortung und strukturellem Wandel. Diese Stimmen reichen von Designerinnen über kreative Leiterinnen bis zu Aktivistinnen und Unternehmerinnen – und sie alle beeinflussen die Branche auf unterschiedliche, oft unterschätzte Weise.

Design, Markenführung und strukturelle Innovation

Einige der sichtbarsten weiblichen Stimmen im nachhaltigen Modebereich kommen aus dem Bereich Design und Markenführung. Diese Frauen nutzen ihre Positionen, um Werte wie Qualität, Transparenz und soziale Verantwortung zu verankern – und sie tun dies oft bewusst als Gegenentwurf zur Fast-Fashion-Logik.

  • Lucy Tammam ist eine britische Designerin, deren Label Atelier TAMMAM nachhaltige Produktionsweisen von der Faser bis zum fertigen Kleid verfolgt und nicht auf schnelle Kollektionen setzt. Sie nutzt Haute Couture als Vehikel für “slow fashion”, indem sie ethisch gewonnene Materialien und traditionelle Handwerksmethoden in den Vordergrund stellt. Projekte wie “One Dress: PLANET” verknüpfen Aktivismus und Handwerk, indem sie gemeinsam mit globalen Kunsthandwerker:innen ein Kleid schaffen, das ökologische und soziale Fragen sichtbar macht.Wikipedia

  • Priya Ahluwalia, Gründerin der gleichnamigen Marke, setzt auf Upcycling und die Wiederverwendung von Deadstock-Textilien, um die Umweltauswirkungen von Mode zu reduzieren. Ahluwalia ist mehrfach ausgezeichnet worden, u. a. mit dem Queen Elizabeth II Award for British Design, und nutzt ihre Plattform, um Nachhaltigkeit und kulturelle Narrative zu verbinden.Wikipedia

  • Amy Powney, ehemalige Kreativdirektorin bei Mother of Pearl, hat in den letzten Jahren als eine der lautesten Stimmen für echte Nachhaltigkeit in der Mode Aufmerksamkeit erzeugt. Ihre Arbeit wurde in der 2022 veröffentlichten Dokumentation Fashion Reimagined begleitet, in der sie die Herausforderungen einer vollständig transparenten und ethischen Produktion aufzeigt – und 2025 ihr eigenes Label Akyn gründet, um dieses Modell weiterzutreiben.The Guardian

Diese Frauen und ihre Marken zeigen, dass Design und Unternehmensführung mehr sein können als Trendfolge – sie können Werte sichtbar machen und Produktionsweisen transformieren.

Supply Chain und akademische Arbeit

Hinter der Bühne der Laufstege und Markenkampagnen beeinflussen Forscherinnen, Unternehmerinnen und Supply-Chain-Expertinnen, wie Produktion und Logistik neu gedacht werden.

  • Caroline Zoe Schumm ist Professorin, Designerin und Forscherin, die sich intensiv mit geschlossenen Lieferketten und nachhaltigen Produktionsmodellen befasst hat. Ihre wissenschaftlichen Beiträge gelten als wegweisend in der Debatte um Circularity und SDG-orientierte Lieferketten.Wikipedia

Solche akademischen Stimmen tragen dazu bei, dass Konzepte wie Transparenz, Zirkularität und soziale Verantwortung nicht nur rhetorische Ziele, sondern messbare Bestandteile von Geschäftsmodellen werden.

Aktivismus, Kultur und soziale Narrative

Nicht alle Einflussnehmenden kommen aus etablierten Modehäusern oder akademischen Institutionen. Viele gestalten den Diskurs und die öffentliche Wahrnehmung.

  • Aditi Mayer ist eine amerikanische Aktivistin und Autorin, die Mode als Werkzeug für soziale und ökologische Gerechtigkeit versteht. In ihrem kreativen und journalistischen Schaffen verbindet sie Handwerk, kulturelles Erbe und Klimagerechtigkeit. Ihre Arbeiten, etwa im Rahmen des PhotoVogue Festivals, bringen die Geschichten von Produktionsrealitäten, Craft und Gemeinschaft in einen größeren kulturellen Kontext.Vogue
  • Doina Ciobanu, Model und Kreativberaterin, nutzt ihre Plattform, um auf Nachhaltigkeit und soziale Verantwortung aufmerksam zu machen. Als Botschafterin für Organisationen wie No More Plastic und das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen trägt sie zur Sichtbarkeit von Umwelt- und Lieferkettenfragen bei, gerade in einem Bereich – Influencer- und Medienkultur – der sonst oft von oberflächlichen Trends dominiert wird.Wikipedia

Diese Stimmen zeigen: Einfluss entsteht nicht nur über Produktdesign, sondern auch über Erzählungen, Sichtbarkeit und kulturelle Übersetzung.

Farming, Handwerk und lokale Produktion

Ein oft übersehener Bereich sind diejenigen, die Rohstoffe anbauen, färben und herstellen – und die in vielen Fällen Frauen sind. Diese Ebene der Wertschöpfung prägt die Nachhaltigkeit und Resilienz der gesamten Branche.

Hier greifen wir bewusst auch auf die Perspektive von Soil Sisters als Organisation zurück: In Projekten, die wir begleiten, wird sichtbar, wie Frauen in ländlichen Regionen durch ökologische Landwirtschaft, traditionelle Färbetechniken und regenerative Anbaumodelle nicht nur Einkommen generieren, sondern auch Wissenstraditionen erhalten und weitergeben. Soil Sisters arbeitet mit Gemeinden zusammen, um diese Verbindung von Boden, Material und sozialer Verantwortung sichtbar zu machen – weit über bloße Rohstofflieferung hinaus.

Zudem machen Maßnahmen, die indigene Handwerkskunst ins Rampenlicht rücken, sichtbar, wie local craft kulturelle Identität und ökonomische Teilhabe stärken kann. Ein Beispiel dafür ist die verstärkte Präsenz von indigenen Textilarbeiterinnen in Mexiko, deren traditionelle Stickereien zunehmend internationale Anerkennung erfahren – ein kulturelles Statement gegen Marginalisierung und für Anerkennung von Handwerkstraditionen.AP News

Zwischen Anerkennung und strukturellem Wandel

Trotz dieser starken Stimmen zeigt empirische Branchenforschung: Nachhaltigkeit ist bei vielen Führungskräften nicht mehr ganz oben auf der Agenda – nur etwa 18 % der Mode-Entscheider:innen sehen Nachhaltigkeit als einen der drei größten Wachstumsrisiken, und viele Unternehmen hinken ihren eigenen Dekarbonisierungszielen hinterher.McKinsey & Company

Das bedeutet nicht, dass Veränderung nicht stattfindet – sondern dass sie nicht linear oder homogen ist. Frauen in der Branche treiben oft Transformationen voran – in kreativen, strukturellen und narrativen Bereichen. Doch sie tun dies gegen etablierte Mechanismen von Wachstum, Preiswettbewerb und Ressourcenausbeutung an.

Schlusswort: Empowerment als systemische Praxis

Empowerment in Mode und Beauty ist mehr als Positionen oder Sichtbarkeit. Es ist die Fähigkeit, Systeme zu hinterfragen und neue Wege des Wirtschaftens, Produzierens und Erzählens zu entwickeln – von der Baumwollpflanze über die Werkbank bis zum Laufsteg. Die Stimmen, die heute den Wandel anstoßen, zeigen, dass Frauen an vielen Stellen nicht nur Teil der Industrie sind, sondern sie aktiv gestalten.

Diese Frauen – Designerinnen, Forscherinnen, Aktivistinnen, Produzentinnen, Künstlerinnen – sind nicht nur Pionierinnen nachhaltiger Praktiken, sondern Wegbereiterinnen für eine Industrie, die Verantwortung neu definiert: für Menschen, für Handwerk und für den Planeten. Und ihre Arbeit zeigt, dass strukturelle Veränderung nicht nur möglich, sondern bereits im Werden ist – wenn auch noch längst nicht ausreichend.

Leave a Comment

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Scroll to Top