Bald schön und bunt? Ja das geht! Über das Potenzial des regenerativen Naturfaseranbaus

Globale Textilproduktion bedeutet schöne Kleidung mit einem hohen Preis für die Umwelt und die Menschen, die sie herstellen. Doch es geht auch anders: Regenerative Landwirtschaft ist im Naturfaseranbau angekommen

Unsere Klamotten brauchen Land: Allein der Baumwoll-Anbau beansprucht etwa 15%  der weltweit bewirtschafteten Ackerflächen. Hinzu kommen Flächen für die Viehzucht, um Wolle, Felle und Leder zu gewinnen, sowie Forstflächen, auf denen die Rohstoffe für Zellulosefasern wie Viskose wachsen. Konventionelle Anbauverfahren setzen die Landwirte unter Druck, über Monokulturen maximale Erträge zu erzielen. Doch diese Wirtschaftsart ist mitverantwortlich für degenerierte Böden mit hoher Pestizidkonzentration, bedroht die lokalen Ökosystemleistungen und beschleunigt den Artenverlust und den Klimawandel.

Der Textilsektor spielt für die Wirtschaft eine wesentliche Rolle. Er bringt mehr als 60 Millionen Menschen in Beschäftigung, generiert 1,5 Billionen US-Dollar Umsatz und stellt Produkte bereit, die für das menschliche Wohlbefinden unerlässlich sind. Gleichzeitig trägt der Sektor erheblich zur dreifachen planetaren Krise bei: Klimawandel, Verlust von Natur und Biodiversität sowie Verschmutzung und Abfall. Lineare Konsum- und Produktionsmuster machen die Menschen zu „Verbrauchern“, die Gegenstände um 36 Prozent weniger verwenden, als noch vor 15 Jahren. Und so wird jede Sekunde eine Mülltonne voller Kleidung entsorgt.

Wissen und Erkenntnisse befähigen zum Handeln

Unser Wissen über die Auswirkungen der Textilproduktion und des Konsums von Fast Fashion wird durch verbesserte Verfahren und Messmethoden immer genauer. So wissen wir heute, dass rund 70 Prozent der Umweltauswirkungen auf der Ebene der Rohstoffgewinnung und der Produktion entstehen, während 30 Prozent auf den Einzelhandel und die Nutzung der Produkte entfallen (McKinsey & Company, 2020).

Doch die Gier nach günstiger Kleidung und somit der Anstieg an synthetischen Fasern ist erschreckend hoch. Laut Textile Exchange betrug der Anteil an Synthetikfasern im Jahre 2023 ganze 67% der Gesamtfaserproduktion. Der Anteil an Pflanzenfasern ging auf 25% zurück, Zellulosefasern machen 6% der globalen Faserproduktion aus und tierische Fasern etwa 1%. Dabei nimmt die Gesamtfaserproduktion stetig zu.

Was wäre, wenn diese Flächen regenerativ bewirtschaftbar wären, sodass Böden nicht auslaugen, keine weiteren Anbauflächen hinzukommen müssen und Ökosysteme in Balance bleiben?

Hilfe aus dem Weltraum?

Antworten darauf können durch künstliche Intelligenz ausgewertete Satellitenbilder liefern, die erkennen, wie es um den ökologischen Zustand der Felder bestellt ist. Ein vielversprechender technologischer Ansatz, der sich noch im Entwicklungsstadium befindet. Brauchen wir also Hilfe aus dem Weltraum, um den Naturfaseranbau zu revolutionieren?

Generell gilt: je mehr Daten direkt vom Feld verfügbar sind, desto besser kann die Nachhaltigkeitsleistung einzelner Fasern bestimmt werden. Mit den Tools Fiber and Materials Mix für Lebenszyklusanalysen einzelner Fasern und dem Materials Impact Explorer für standortbezogene Umweltauswirkungen, hilft die US-amerikanische NGO Textile Exchange Unternehmen und Organisationen, genau zu vergleichen, worin sich die Auswirkungen bei der Herstellung unterschiedlicher Fasern unterscheiden.
Regenerative Anbaumethoden berücksichtigen die Kernbereich Boden, Wasser, Biodiversität und Klima. Das bedeutet z.B. bis zu 50% weniger Wasserverbrauch im Baumwollanbau.

Standards für eine naturfreundliche Textilindustrie

Bieten Naturfasern das Potenzial für eine klima- und naturfreundliche Textilindustrie? Die Initiativen Textile Exchange und Fibershed sagen: ja, unsere Standards können das sicherstellen. Wie sehen diese Programme konkret aus?

Textile Exchange Standards

Mehrere Initiativen erstellen Leitlinien, wie eine regenerative Bewirtschaftung von Plantagen und Flächen funktionieren kann. Zu den regenerierenden Bodenpraktiken gehören unter anderem das Aufbringen von Kompost auf Acker- und Weideland, das Pflanzen von Hecken und Windschutzstreifen, die Wiederherstellung von Auenwäldern, Zwischenfrüchte, eine reduzierte Bodenbearbeitung sowie das Einarbeiten von Pflanzenkohle und vieles mehr.

Die NGOs Fibershed und Textile Exchange haben Programme entwickelt, nach denen sich Landwirt:innen zertifizieren lassen können und so durch ihre regenerativen Anbaumethoden zur Entwicklung eines Ansatzes für naturpositives Wirtschaften im Textilbereich beitragen.

Textile Exchange veröffentlichte im April 2025 ein Rahmenwerk namens Regenerative Agriculture Outcome Framework. Es unterstützt die Textilindustrie dabei, die Wirkung regenerativer Landwirtschaft unter Einbezug der Ökosysteme vor Ort ganzheitlich zu bewerten. So verschiebt sich der Fokus der Industrie von der Vermeidung negativer Emissionen hin zur Erreichung messbarer, positiver Ergebnisse.
Das Framework stützt sich auf Forschung, verwandte branchenspezifische Methodiken (wie wissenschaftlich fundierte Ziele für die Natur und das Treibhausgas-Protokoll) und andere Ergebnisframeworks. Am wichtigsten ist, dass diese Methode das lokale Wissen der landwirtschaftlichen Gemeinschaften respektiert und in den Mittelpunkt stellt. Sie betrachtet Ergebnisse und Indikatoren in drei Kategorien: soziale und wirtschaftliche Gerechtigkeit, ökologische Gesundheit und Tierschutz.

Zu den Zielen des Rahmenwerks gehört auch, die Erwartungen der Landwirt:innen und des Textilhandels in Einklang zu bringen. Doch wie lässt sich ein verlässlicher Standard entwickeln, und gleichzeitig die Flexibilität gewährleisten, die Landwirt:innen benötigen, um die Natur vor Ort bestmöglich durch regenerative Praktiken zu schützen? Dazu will Textile Exchange eine Reihe von Indikatoren entwickeln und sie über einen Zeitraum mehrmals messen, um dann Veränderungen feststellen zu können. Die Landwirt:innen erhalten Unterstützung bei der Erfassung und Interpretation der Naturwerte ihrer Plantage, wie z.B. bei Bodenmessungen und bei der Auswertung von Tierstimmen, die von Mikrofonen aufgenommen werden, die auf der Plantage aufgestellt werden.

Gibt es auch regionale Ansätze?

Die internationale Bewegung Fibershed setzt sich für einen möglichst biologischen und regionalen Anbau von Fasern für Textilien ein. Fibershed ist der englische Begriff für Fasereinzugsgebiet. So etwa im Westen der USA: Nordkalifornien ist nicht nur eines der Hauptanbaugebiete für Baumwolle in Nordamerika, sondern auch ein beliebtes Gebiet für die Haltung von Schafen und Alpakas.

Mit dem Programm Klimadienliche Landwirtschaft (Climate Beneficial™ Agriculture) entwickelt Fibershed natürliche Fasern- und Farbsysteme, die zur Stabilisierung des Klimas beitragen. Dies wird durch eine 1%-ige Erhöhung des organischen Kohlenstoffs im Boden mittels Aufbau von bodengebundenen Kohlenstoffsenken auf den bewirtschafteten Flächen des Netzwerks in Nordkalifornien erreicht und geht einher mit einer gesteigerten Wasserspeicherfähigkeit, verbesserten Lebensräumen für Wildtiere und Bestäuber, reduzierter Waldbrandgefahr sowie Herbizid- und Düngemittelverbrauch. 

Fibershed arbeitet direkt mit lokalen Gemeinschaften zusammen, um Landbewirtschaftungspraktiken umzusetzen, die Kohlenstoff im Boden binden und die Produktivität auf natürliche Weise steigern.

Das gleichnamige Verifizierungsprogramm bietet Landwirten und Viehzüchtern direkte technische und finanzielle Unterstützung. Das System umfassen eine Kombination aus direkter Messung, dynamischen Umweltmodellen und Satellitensystemen. Diese Tools können die innovative Arbeit der Produzierendengemeinschaft zur Stabilisierung des Klimas kontinuierlich messen, verbessern und verifizieren.

„Wenn Textilien aus natürlichen Fasern hergestellt werden, haben sie das Potenzial, Kohlenstoff aus der Atmosphäre aufzunehmen, anstatt zu weiteren Kohlenstoffemissionen beizutragen. Natürliche Fasern wie Wolle, Baumwolle, Alpaka und Leinen können so angebaut und produziert werden, dass sie die Aufnahme von Kohlenstoff aus der Atmosphäre maximieren, um die Gesundheit der Ökosysteme wiederherzustellen und unser Klima zu stabilisieren.“

Wie geht es weiter?

Dass auch weitere Standardgeber erste Schritte unternommen haben, regenerative Baumwollstandards einzuführen, ist aufgrund der Dringlichkeit im Bezug auf regenerative Lösungen sehr erfreulich. Verbraucher:innen haben zurzeit jedoch noch keine Möglichkeit, klimafreundliche und naturpositive Mode direkt zu fördern oder zu unterstützen. Konsumverzicht und das Einkaufen von Second Hand Bekleidung oder auf Kreislaufplattformen ist eine gute Alternative, bewirkt aber nicht direkt die Förderung von regenerativen Anbaumethoden und die Transformation des Sektors. Info-Portale wie Siegelklarheit,de bieten eine gute Übersicht über Modelabel, die nachhaltige Rohwaren verwenden und nach ökologischen und sozialen Standards produzieren.

Verbraucher:innen haben zudem das Recht, zu erfahren, woher die Produkte stammen, die sie kaufen. Dafür bringt die EU den Digitalen Produktpass auf den Weg, der 2027 für alle in der EU verkaufenden Unternehmen verpflichtend wird.

Soil Sisters beschäftigt sich mit der Frage, wie wir als Gesellschaft regenerative Anbaumethoden in der Textilwirtschaft unterstützen können. Haben Du Lust, mitzudiskutieren? Dann schreib uns:

Hello@Soilsisters.Group

FAZIT

Naturfasern allein können die Textilwirtschaft nicht revolutionieren, bieten jedoch auf Rohstoffebene großes Potenzial. Regenerative Landwirtschaft kann dazu beitragen, ein Wirtschaften innerhalb der planetaren Grenzen zu ermöglichen. In Kombination mit neuen Technologien, wie dem Einsatz von KI-gestützten Satellitenauswertungen von Feldern und Plantagen, kann das Potenzial regenerativer Lösungen weitflächig angewendet werden und trägt so dazu bei, dass kleinbäuerliche Strukturen erhalten bleiben und mehr regenerativ angebaute Naturfasern auf den Markt und in unsere Kleiderschränke kommen. Das Wichtigste aber bleibt: Textilien müssen langlebig, qualitativ hochwertig und nicht zuletzt schön und ansprechend sein, damit sie lange genutzt werden. Es braucht also einen Kulturwandel hin zu mehr Wertigkeit.

Schaf von der Seite

EU Textilstrategie

Die EU-Kommission hat 2022 die EU-Textilstrategie für nachhaltige und kreislauffähige Textilien verabschiedet. Sie zielt darauf ab, einen kohärenten Rahmen für die Transformation des Textilsektors zu schaffen, damit Textilen auf dem EU-Markt bis 2030 folgende Anforderungen erfüllen:

  • Vorgabe von Mindestanforderungen an recycelte Inhalte.
  • Einführung klarer Informationen und eines digitalen Produktpasses.
  • Umgang mit der unbeabsichtigten Freisetzung von Mikroplastik aus synthetischen Textilien.
  • Bekämpfung von Greenwashing, um Verbraucher zu stärken und das Bewusstsein für nachhaltige Mode zu fördern.
  • Einführung verbindlicher und harmonisierter Regeln zur erweiterten Herstellerverantwortung für Textilien.
  • Einschränkung des Exports von Textilabfällen.
  • Förderung von Kreislaufwirtschaftsmodellen, einschließlich Wiederverwendungs- und Reparatursektoren.

 

Die Verordnung zur ökologischen Gestaltung nachhaltiger Produkte (ESPR), die im März 2022 vorgeschlagen wurde, schafft einen Rahmen für die Festlegung von Anforderungen an die ökologische Gestaltung von Produkten, einschließlich Textilien.

Die Abfallverbringungsverordnung wird dazu beitragen, den Export von Textilabfällen einzuschränken. Im Jahr 2023 schlug die Kommission eine Überarbeitung der Abfallrahmenrichtlinie vor, um verpflichtende und harmonisierte Systeme der erweiterten Herstellerverantwortung (EPR) für Textilien in allen EU-Mitgliedstaaten einzuführen.

In diesem System werden die Produzenten die Kosten für die Entsorgung von Textilabfällen tragen, was sie dazu anregen soll, umweltfreundlichere Produkte zu entwickeln. Durch die Einführung gemeinsamer EU-weiter EPR-Regeln wird der Vorschlag die Anforderung für eine getrennte Textilsammlung ab 2025 vereinfachen. Die Beiträge der Produzenten werden Investitionen in Sammel-, Sortier-, Wiederverwendungs- und Recyclinganlagen finanzieren und nachhaltige Praktiken sowie Zirkularität fördern.

Was tun Unternehmen?

Bereits mehr als 100 Bekleidungs- und Schuhunternehmen haben sich wissenschaftsbasierte Klimaziele (SBTs) gesetzt. (Sadowski et al., 2021)

Insbesondere die Dekarbonisierung der Wertschöpfungskette in den energie-, chemikalien- und wasserintensiven Nassverarbeitungsstufen wie Färberei und Spinnerei müssen mit Technologien auf industriellem Niveau vorangetrieben werden und erfordern hohe Investitionen. Hier schließen sich die Global Player der Textilindustrie zusammen, wie z.B. in der Future Supplier Initiative, die gemeinsam Projekte finanzieren, die Energieeffizienzmaßnahmen und den Einsatz erneuerbarer Energien auf Fabrikebene ermöglicht, kohlenstoffarme Technologien und Lösungen identifizieren und Methoden zur Messung von Emissionsreduktionen dienlich sind.

Was kann der Finanzsektor tun? (Banken, Kreditgeber, Investoren)

Investoren können von weitsichtigen Vorschriften zur Biodiversität inspiriert werden, um die Transformation der Unternehmen in ihrem Portfolio zu lenken. Mit Engagement können sie Einfluss auf Unternehmen ausüben, um ihre Praktiken zu verbessern und sie auf eine nachhaltige Politikumstellung vorzubereiten, die über die bloße Einhaltung von Umweltauflagen hinausgeht.

Während Banken selbst von der Festlegung von Klimazielen zur Umsetzung übergehen, wird es immer wichtiger, praktische Strategien zu entwickeln, um kreislaufbasierte Lösungen zu nutzen und konkrete Auswirkungen zu erzielen. Besonders bei den Scope-3-Emissionen in der Textilbranche ist ein umfassender Klimaschutz entscheidend, da sie einen bedeutenden Anteil am gesamten CO₂-Fußabdruck des Sektors ausmachen. Bisher sind Finanzinstitute jedoch nur verpflichtet, die Scope-1- und Scope-2-Emissionen ihrer Kunden im Rahmen des Greenhouse Gas Protocols zu erfassen, während die Berücksichtigung der Scope-3-Emissionen optional bleibt. Kreislaufbasierte Lösungen bieten großes Potenzial, um Scope-3-Emissionen im Textilsektor zu verringern, indem sie die Ressourceneffizienz verbessern, Abfall minimieren und die Lebensdauer von Textilien verlängern.

Über die Autorin

Regina Profile

Regina Sophie Kallfelz ist Gründungsmitglied der Soil Sisters Group. Als Expertin für textile Lieferketten war sie mehrfach für Umwelt- und Sozialaudits in Textilproduktionsländern wie Bangladesch und China. 

„Wir müssen Ökosystemleistungen ins Zentrum unseres wirtschaftlichen Handelns rücken, um zukunftsfähig zu werden. In regenerativen Anbaupraktiken finden wir Antworten, wie die Transformation auch in der Textilindustrie gelingen kann.“

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