Der Rückgang von Biodiversität und der Verlust intakter Ökosysteme stellen existenzielle Risiken für globale Wirtschaftssysteme dar, mit tiefgreifenden Folgen für Branchen, die von natürlichen Ressourcen abhängig sind. Denn Natur, Gesellschaft und Wirtschaft sind verbunden und interagieren miteinander, wobei die Natur Umweltgüter bereitstellt, die der Wirtschaft und der Gesellschaft insgesamt zugutekommen (TNFD, 2023, S. 26)
Abhängigkeiten
Der Weltbiodiversitätsrat (IPBES) postuliert Anfang des Jahres 2026, dass „alle Unternehmen in allen Sektoren von Biodiversität und den Beiträgen der Natur für den Menschen abhängen“ (IPBES, 2026b, S. 16). Wirtschaftliche Aktivitäten sind untrennbar mit der Natur verbunden, durch Abhängigkeiten von
- materiellen Inputs für Prozesse und Produkte, genetische Ressourcen, Rohstoffe und Energie, Wasser für die Produktion;
- Regulierung der Umweltbedingungen, unter denen die Unternehmen tätig sind, wie die Steuerung von Wasserabflüssen und der Erosionsschutz oder Ökosystemleistungen wie Bestäubung oder Bodenfruchtbarkeit; sowie
- immaterielle Beiträge, wie Freizeit-, Bildungs-, spirituelle, kulturelle und ästhetische Werte (IPBES, 2026, S. 16).
Diese Abhängigkeit ist besonders ausgeprägt in der Mode- und Textilbranche sowie der Kosmetikindustrie, deren Wertschöpfungsketten direkt von Rohstoffen wie Baumwolle und pflanzlichen Inhaltsstoffen (z. B. Argan, Shea,..) und Wasser (z. B. für den wasserintensiven Anbau von Baumwolle (TNFD, 2024, S. 37)) abhängen.
Auswirkungen
Unternehmen üben gleichzeitig auch positive bis erhebliche negative Auswirkungen auf Natur und die biologische Vielfalt aus. Über ihre Wertschöpfungsketten haben alle Unternehmen aller Sektoren Auswirkungen auf Biodiversität und die Natur (IPBES, 2026b, S. 17). Der Agrarsektor zeigt erhebliche direkte Auswirkungen auf die Natur. Biomasse (aus landwirtschaftlichen Kulturen und der Forstwirtschaft) trägt am stärksten zu den negativen Klimaauswirkungen aufgrund von Landnutzungsänderungen bei und ist für über 90 % des Biodiversitätsverlusts und des Wasserstresses im Zusammenhang mit der gesamten Landnutzung verantwortlich. Die Produktion von Baumwolle hat neben der Landnutzungsänderung auch Auswirkungen auf die Natur und unsere Planetaren Grenzen durch den hohen globalen Pestizid- und Düngemitteleinsatz.
Auch die Rohstoffe der Kosmetikindustrie haben direkte Auswirkungen auf die Natur. Beispielsweise können bis zu 80 % der Inhaltsstoffe eines Unternehmens im Kosmetiksektor von Pflanzen stammen, von denen einige besonders für Probleme wie Entwaldung oder Landnutzungsänderungen bekannt sind (Commonwealth Climate and Law Initiative, 2022, S. 75).
Risiken
Diese naturbezogenen Auswirkungen und Abhängigkeiten schlagen sich in konkreten Risiken für Unternehmen nieder, die als physisch, transformativ oder systemisch klassifiziert werden (IPBES, 2026b). Physische Risiken wie Extremwetterereignisse und Ressourcenknappheit bedrohen die Stabilität von Lieferketten, während Transformationsrisiken, etwa regulatorische Veränderungen oder sich wandelnde Verbraucherpräferenzen, adaptive Strategien erfordern. Systemische Risiken wie der Kollaps von Ökosystemen gefährden die langfristige Lebensfähigkeit ganzer Branchen oder unseres Finanzsystems. Biodiversitätsverluste, die durch wirtschaftliche Aktivitäten verursacht werden, gefährden die Zukunft von Unternehmen, der Wirtschaft und der globalen Gesellschaft (IPBES, 2026b, S. 15). Die Mode- und Textilindustrie steht laut dem Apparel Impact Institute (2026) beispielsweise vor steigenden Kosten durch höhere CO₂-Preise, volatile Rohstoffpreise (z. B. von Baumwolle) und höhere Energiekosten. Ohne Gegenmaßnahmen könnten diese Belastungen die Herstellungskosten (COGS) bis 2040 um 13 % erhöhen, was zu einem Gewinnrückgang von 67 % und einem Marktwertverlust von 70 % führen könnte (Apparel Impact Institute & Accenture, 2026, S. 2).
Chancen und "naturpositives wirtschaften"
Naturbezogene Themen bergen auch Chancen durch finanzielle Vorteile, wie höhere Lieferkettenresilienz, Einsparungen durch Ressourceneffizienz, Umsatzsteigerung durch die Erschließung neuer Märkte und Geschäftsmodelle, Produktinnovationen, Zugang zu Kapital durch Erfüllung der Erwartungen der Investoren, sowie Steigerung des Unternehmenswerts durch Stärkung der Marke. Nicht-finanzielle Vorteile umfassen insbesondere die Erreichung strategischer Ziele, Reputationsvorteile durch starke Partnerschaften mit Stakeholdern, oder einer operative Stärkung der Widerstandsfähigkeit zur Bewältigung akuter Krisen zu nennen (TNFD, 2025, S. 15).
Unternehmen, die ihre Lieferketten proaktiv dekarbonisieren, können finanzielle Verluste abmildern und gleichzeitig Wettbewerbsvorteile erzielen. Pioniermarken, die ehrgeizige Netto-Null-Strategien, Prinzipien der Kreislaufwirtschaft und kooperative Lieferantenbeziehungen umsetzen, werden laut der Prognose des Apparel Impact Institutes (2026, S. 4) Einkommensverluste deutlich reduzieren. Frühzeitige Adaption im Einklang mit klimabezogenen Zielen kann Erträge steigern, die Liquidität verbessern und finanzielle Vorteile erzielen (Apparel Impact Institute & Accenture, 2026, S. 6). Über die Risikominderung hinaus eröffnen naturpositive Strategien neue Geschäftschancen, etwa durch Produktinnovationen (z. B. biobasierte Materialien), operative Effizienzsteigerungen und eine Stärkung des Markenwerts (IPBES, 2026b).
Ein naturpositiver Ansatz, der darauf abzielt, den Zustand der Natur zu verbessern, statt nur negative Auswirkungen zu mildern, bietet Unternehmen einen transformativen Rahmen. Um Biodiversitätsverluste auszugleichen, können Unternehmen Landregeneration und -renaturierung innerhalb ihrer Wertschöpfungsketten (Insetting) oder außerhalb (Offsetting) vorantreiben, unter Vermeidung von Greenwashing (Aiama et al., 2015; Maron et al., 2025).
Argan und Baumwolle
Die Fallstudien meines Strategiepapiers zur Baumwollproduktion in Subsahara-Afrika und zum Argananbau in Marokko veranschaulichen diese Dynamiken: Baumwolle, eine wasserintensive Kulturpflanze, ist klimabedingten Risiken wie Dürren und Schädlingsbefall ausgesetzt, die Erträge und Rentabilität bedrohen. Arganbäume, die in Marokko heimisch sind, erbringen wichtige Ökosystemleistungen wie Bodenschutz und Biodiversitätserhalt und sichern gleichzeitig lokale Lebensgrundlagen. Allerdings sind Argan-Ökosysteme anfällig für die Auswirkungen des Klimawandels, Landdegradation und Übernutzung, was die Notwendigkeit regenerativer Praktiken unterstreicht.
Transformatives handeln ist eine sinnvolle, langfristige investition
Die Dringlichkeit zum Handeln ist klar und der IPBES stellt fest, dass transformative Veränderungen Maßnahmen aller Unternehmen erfordern (IPBES, 2026b, S. 23). Unternehmen können naturpositive Überlegungen in Governance, Betrieb und Wertschöpfungsketten integrieren und vorhandenes Wissen nutzen, um systemischen Wandel voranzutreiben. Alle Unternehmen hängen von Natur, Biodiversität, Ökosystemen und Ökosystemleistungen ab, wirken auf die Natur ein und können jetzt auf Basis bestehenden Wissens handeln, um Akteure positiven Wandels zu werden (IPBES, 2026b, S. 3, 5). Der Übergang zu naturpositiven Wirtschaften sichert nicht nur ein langfristiges Wirtschaften, Rohstoffverfügbarkeit und intakte Lieferketten oder finanzielle Performance, sondern positioniert Unternehmen als zukunftsorientierte Marktführer, die langfristige Resilienz in einer Ära ökologischer, ökonomischer und geopolitischer Unsicherheit gewährleisten.
This article is derived from: "Driving Change: An analysis of the key drivers and arguments for integrating nature-positive considerations in the textile and beauty industry". Rebecca Kandut for Soil Sisters Group, 2026.
The paper is available on request. Reach out to hello@soilsisters.group
we are happy to share the paper to foster collaboration and frive change in the fashion and beauty industry.
Literaturnachweise
IPBES. (2026). Summary for Policymakers of the Methodological Assessment Report on the Impact and Dependence of Business on Biodiversity and Nature’s Contributions to People. IPBES secretariat. https://zenodo.org/records/18538597
TNFD (2023). Recommendations of the Taskforce on Nature-related Financial Disclosures. https://tnfd.global/wp-content/uploads/2023/08/Recommendations_of_the_Taskforce_on_Nature-related_Financial_Disclosures_September_2023.pdf?v=1695118661
TNFD (2024). Additional Sector Guidance Food and Agriculture: Version 1.0. https://tnfd.global/wp-content/uploads/2024/06/Additional-Sector-Guidance-Food-and-Agri.pdf?v=1719526279
TNFD. (2025). Discussion paper on nature-related opportunities: Version 1.0. https://tnfd.global/publication/discussion-paper-on-nature-related-opportunities/
World Economic Forum (2026). 50 Investible Opportunities for a New Nature Economy https://www.weforum.org/publications/50-investible-opportunities-for-a-new-nature-economy-insight-report/


